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Loslassen als Ausdruck von Vertrauen - Was mir die Zeitqualität spiegelt

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4 Min. Lesezeit

Ich liebe Umbrüche und Neuanfänge. Das ewige Stirb-und-Werde gibt mir ein Gefühl von Lebendigkeit. Wenn die Bäume ihre Blätter abschütteln, die Natur ihren Glanz verliert und die Nächte länger werden, beginnt eine Zeit des Übergangs, die mystisch, geheimnisvoll und oft auch nicht unbedingt geliebt ist. Doch warum eigentlich?


Was geschieht mit dem Alten, wenn Neues kommt? Wollen wir etwas oder jemanden nicht mehr, wenn wir es oder ihn oder sie gehen lassen? Oder ist es nicht manchmal einfach so, dass etwas vollendet ist, und wir es deshalb loslassen?

Und wie inspirierend ist bitteschön dieser Gedanke, dass die Natur buchstäblich dann aufhört, wenn es „am schönsten ist“?

Diese Fragen, verbunden mit der Zeitqualität, inspirieren mich dazu, diesen Blogbeitrag zu schreiben. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass mir das Thema gerade auf verschiedenen Ebenen begegnet.


Foto: Letztens auf einem Waldspaziergang
Foto: Letztens auf einem Waldspaziergang

Loslassen wird oft mit Trennung und Verlust oder gar Schmerz in Verbindung gebracht. Wenn wir einen Menschen lieben und dann verlieren, müssen wir ihn zwangsläufig loslassen. Wenn uns etwas nicht guttut, tun wir gut daran, es loszulassen. Zugleich kann das Loslassen auch ein freudiger, selbstbestimmter Akt sein - und manchmal ist es auch ein Gemisch aus verschiedenen Gefühlen. Ein Baum verliert seine Blätter ja nicht, weil sie wertlos geworden sind. Im Gegenteil: Sie haben ihren Teil zum Leben des Baumes beigetragen. Doch nun beginnt ein neuer Abschnitt.


Loslassen und aufatmen


Etwas oder jemanden loszulassen, kann ein unglaublich schwieriger und langwieriger Prozess sein. Ich merke das in Momenten, in denen ich mich dagegen wehre, was geschieht. Ich wehre mich gegen das Leben und seine Zyklen. Und manchmal wehre ich mich nicht, und dann darf das Leben wieder fliessen.


Dass das Loslassen etwas Befreiendes und Schönes an sich hat, habe ich gerade mit meinem Debütroman erlebt. Vor einigen Tagen habe ich ihn in den Buchsatz gegeben, und somit ist meine literarische Arbeit für dieses Werk getan. Ich bin irgendwo herumgetapst zwischen Aufregung, in letzter Minute aufkommenden Zweifeln und irrsinniger Freude. Wollte das Buch noch x Mal lesen. Und dann habe ich das Mail abgeschickt: Ich habe das Buch losgelassen. Jedenfalls literarisch.


Meinen Roman loszulassen bedeutet nun nicht, dass ich nie mehr etwas mit ihm zu tun haben werde und ihn vergesse. Weit gefehlt - ich gebe ihm ein Kleid und einen Raum, gehe nun meinen weiteren Weg mit ihm und tue alles in meiner Macht Stehende, um ihn an die Leserschaft zu bringen, die ihn lieben und einen Mehrwert aus ihm ziehen wird.

Jedoch: Ich gebe ihn frei. Er gehört nicht mehr nur mir. Jetzt gehört die Geschichte der Welt. Ich lasse sie los.

Mit dem Loslassen kann ich aufatmen. Ich spüre nicht mehr den inneren Sog, den Drang, dauernd an ihn zu denken. Damit mache ich Platz in meinem Geist, damit sich eine neue Geschichte ganz intuitiv und natürlich entwickeln darf.


Dem Prozess vertrauen


Das Beispiel mit dem Loslassen meines Romans ist natürlich überaus positiv. Ich weiss, dass Loslassen meistens nicht so einfach und mit so schönen Gefühlen verbunden ist. Oft ist es ein Weg durch Widerstand und Kampf, Trauer und Schmerz. Zum Beispiel, wenn mich jemand, den ich liebe, verlässt.




Lasse ich etwas oder jemanden los, kann sich das zunächst nach Kontrollverlust anfühlen. Ich reagiere vielleicht instinktiv mit Widerstand, denn vielleicht will ich jemanden in einer Beziehung nicht loslassen, weil ich ihn liebe. Und irgendwann wird mir je nach dem bewusst, dass ich ihn loslassen will, weil ich ihn liebe. Ich liebe ihn und mich und lasse uns beide in diesen Lebensabschnitt gehen, der für uns am besten ist - auch wenn es nicht ein gemeinsamer Weg ist.


Ich vertraue darauf, dass das Leben auf meiner und auf seiner Seite ist. Dass sich neue Wege eröffnen für mich und ihn. Dass alles seinen richtigen Lauf hat.


Und schliesslich gibt es diese Situationen, in denen es besonders schwerfällt, zu vertrauen - wenn ein geliebter Mensch oder ein geliebtes Tier aus dem Leben scheidet, obwohl wir noch so viel Zeit miteinander verbringen wollten. Wenn jemand unerwartet aus seinem und unserem Leben gerissen wird. Wenn wir darauf vertrauen möchten, dass alles einen Sinn hat, und es uns doch kaum gelingt.


Die Trauer bringt uns dann schier um. Das Vertrauen ist schwer. Es braucht seine Zeit.


Alles zu seiner Zeit


Doch auch dort, wo wir selbst entscheiden können, etwas loszulassen, gelingt es nicht immer auf Anhieb. Vielleicht möchte ich eine Sucht oder eine Beziehung, die mir nicht guttut, loslassen. Mit diesen Themen setze ich mich schon mein ganzes Leben auseinander, und auch heute bin ich in einer Art Zwischenprozess: Ich rauche seit sechs Monaten nicht mehr. Ich habe das Rauchen losgelassen. Trotzdem bin ich noch nikotinsüchtig und konsumiere es einfach anders. Ich habe noch nicht ganz losgelassen.


Manches Loslassen geschieht auf einmal. Anderes braucht seine Zeit.

Egal, mit welchen Gefühlen ich das Loslassen verbinde - so oder so habe ich für mich das Gefühl, dass es immer zu tun hat mit: Vertrauen.

Es geht darum, in das Leben zu vertrauen, in den Prozess - darauf zu vertrauen, dass alles seinen Sinn hat. Diese Gewissheit hat sich durch meine Erfahrungen entwickelt, und ich war oft sehr weit weg vom tiefen Vertrauen.


Ich gehe durch den Wald und bestaune die wunderschönen Farben. Rot, gelb, braun, grün - strahlend, speziell. Ein besonderes Gefühl durchfährt mich. Dieser Moment ist einzigartig.


Bald wird er vorbei sein, und die Farben werden vollends von den Bäumen verschwunden sein. Ein neuer Zyklus beginnt. Ich vertraue zutiefst darauf, dass das Durchlaufen dieser Zyklen jene Lebendigkeit ausmacht, die ich so sehr bewundere und liebe.


-


Ohne Zyklen

Kein Leben

Ohne Leben

keine Lebendigkeit


Ich lasse los

Und beginne neu

Und lasse los

Und beginne neu


Wie es die Natur tut

jedes Jahr im selben Zyklus

Im mutigen Vertrauen

Und stiller Gewissheit


4.11.26

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